Was muss sich ändern, damit Baseball in Deutschland größer wird?

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Ich habe den Eindruck, dass Baseball in Deutschland eine rückläufige Entwicklung durchmacht. Vereine sterben oder müssen sich in Spielgemeinschaften zusammenfinden, Ligen bestehen nur noch aus wenigen Teams und die Anzahl der Jugendmannschaften nimmt ab.

Natürlich hat Baseball in Deutschland sehr große Konkurrenz. Gegen König Fußball ist kaum etwas auszurichten. Auch andere Sportarten haben Probleme, gerade Jugendliche für ihre Sache zu begeistern. Selbst die, die eigentlich gerne Sport treiben würden, können es nur noch selten, da gerade die Einführung des Abiturs nach 12 Schuljahren viele Stundenpläne aufgebläht und die Schüler damit sehr an die Schule gebunden hat.

Baseball, der in Deutschland immer noch als langweilig, kompliziert und zu amerikanisch gilt, hat zudem noch mit seinem insgesamt negativen Image zu kämpfen. Wenn sich dann doch mal ein paar Sportler in die Vereine verirren, werden sie häufig eher wieder vergrault. Teilweise fahren sie an Spieltagen quer durch ein Bundesland, um nach mehrstündiger Autofahrt bei der 1:24-Niederlage ihres Teams für 1 1/2 Innings im Outfield mitgespielt zu haben. Dieses Szenario wäre übrigens noch nicht einmal das negativste, denn häufig fallen angesetzte Spiele aus, da Umpire oder Scorer nicht zur Verfügung stehen.

Die insgesamt hohen Kosten für Ausrüstung, Platzbau, Auswärtsfahrten und teilweise unsinnige Regelungen (warum  z. B. muss in Deutschland in der untersten Liga mit einem überteuerten offiziellen Ball gespielt werden, den man exklusiv nur bei einem Handel im Ausland bestellen kann?) befördern die Entwicklung nicht gerade positiv.

Ich habe in meinem Leben schon viele Sportarten betrieben. Allerdings gefällt mir keine so sehr wie Baseball. Keine Sportart verbindet verschiedene Anforderungen so perfekt miteinander. Nirgendwo sonst bin ich als Mitglied eines Teams so sehr auf mich selbst angewiesen wie im Baseball. Nichts fordert mich vom Kopf her so sehr und kein anderer Sport verbindet mich so extrem mit der Vergangenheit. Baseball zeigt mir meine Fehler schonungslos, lässt mich verzweifeln, bietet aber so viele Glückgefühle und lässt mich als Mensch wachsen. Ohne Baseball wäre mein Leben  und auch mein Berufsleben ärmer. Als Lehrer thematisiere ich Baseball seit Jahren in AGs oder Wahlpflichtkursen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele von diesem Sport begeistert sind, sobald sie ihn näher kenngelernt haben. Mit einer Gruppe von Schülern habe ich letztlich dann ein Vereinsteam gegründet.

Kaum eine andere Sportart ist für die Schule so nutzbar wie Baseball. Schlagworte wie „fächerübergreifendes Lernen„, „Eigenverantwortung“, „Fehlertoleranz“ und „Gleichgewicht“ würden Bildungsexperten aufhorchen lassen. (Hinweis: die Vorteile des Baseballs als Schulsport habe ich in zwei vorherigen Blogs bereits dargelegt: Beiträge vom 18. & 22. Dezember 2014). Die Schule könnte der Ort sein, in dem Baseball einen großen Platz einnehmen könnte. Allerdings würde dies bedingen, dass das Spiel den Gegebenheiten der Schule angepasst also vereinfacht wird.

Kein Vorgehen in der Schule nutzt aber etwas, wenn sich nicht auch in den Verbänden etwas ändert. Nur darauf zu warten, dass irgendwann ein Baseball-Boris-Becker vom Himmel fällt, der die Vereine mit Mitgliedern überschwemmen lässt , ist zu wenig. Es fährt auch trotz Michael Schumacher keiner mehr Autorennen als vorher. Es kann auch nicht sein, dass die Verantwortung allein bei den Vereinen bleibt. Es müssen Aktionen gestartet werden, wie damals „Play-Ball“. Wettbewerbe an Schulen könnten einfach umgesetzt werden. Im Tennis gibt es Low-T-Ball, mit dem Kinder an das Spiel mit dem gelben Ball herangeführt werden sollen. Warum gibt es so etwas nicht auch im Baseball? Ein „home run derby“ ist leicht umgesetzt. Die Enge einer Sporthalle wäre hier sogar mal von Vorteil. Zudem muss es den Vereinen so einfach wie möglich gemacht werden, ein Team zu stellen. Unnötige Kosten müssen wegfallen, Fahrten kurz gehalten werden. Sinnlose Bürokratie muss nicht sein. Wozu bilden Vereine in der Bezirksliga zum Beispiel einen Scorer aus oder bezahlen ihn, wenn im Grunde nur das Ergebnis zählt?

Sicherlich ist vieles von meinem Schreibtisch aus leicht geschrieben. Wenn es nur eine Hand voll Vereine in einem Flächenbundesland gibt, fallen die Fahrten eben länger aus. Aber häufig könnte man Teams in Ligen zusammenfassen, die räumlich dichter beieinander liegen. Der Unterschied zwischen einer Bezirks- bzw. Landesliga ist häufig nicht sehr groß. Vereine spielen in unterschiedlichen Ligen, obwohl sie nur vergleichsweise wenige Kilometer von einander entfernt liegen. Den Verbänden ist häufig eine fußballähnliche Ligastruktur lieber. Dabei wird oft genug vergessen, dass die Ligabezeichnungen wie Bezirks-, Landes oder Verbandsliga häufig schon im Verständnis für ein bestimmtes Leistungsniveau stehen und daher für Anfänger eher abschreckend sind. Vielleicht bieten sich für neue Vereine auch eher kleinere Turniere an, als gleich einen Spielbetrieb zu organisieren, der auch Anforderungen an ein Team stellt. Einen Pitcher für 7 oder gar 9 Innings zu finden, ist eher schwer. Häufig findet man zunächst niemanden, der den Ball einigermaßen kontrolliert wirft. Für ein ganzes Spiel sind 2 oder gar 3 Pitcher notwendig. Was spricht dagegen, dass Anfängerteams vielleicht in Turnieren nur drei Innings pitchen müssen und die letzten beiden mit „soft tosses“ bestritten werden? Das mag für Baseballpuristen schwer verdaulich sein, aber was frustriert einen als Baseballanfänger am meisten? 24 Walks bei 3 eigenen Hits in sieben Innings. Erfolg in der Offensive motiviert. Pitchen ist schwer, mit der Qualität desselben steht und fällt ein Team. Vereinfachungen sind gerade hier notwendig, damit Anfängerteams nicht zu früh überfordert werden.

Ich möchte nicht so verstanden werden, dass ich allein die Lösung hätte. Vielmehr möchte ich meine Gedanken als Anstoß zu einer Diskussion sehen und freue mich deswegen schon jetzt aus möglichst viele Kommentare.

Baseball in Deutschland
Dugout24 the friendly Baseball Shop für Deutschland

Vielen Dank an Sebastian Tietzel für diesen bemerkbaren Beitrag über den Zustand des Baseballs in Deutschland. Schreibt bitte eure Gedanken als Kommentar damit wir eine breite Diskussion darüber in Gang kriegen. Ist dringend notwendig.

3 Kommentare

  1. Kollege Tietzel hat ganz recht. Wenn ‚man‘ (die Baseball-Vereine, der Baseballverband) neue Interessenten und Mitglieder haben will, muss ‚man‘ sich etwas einfallen lassen und nicht prinzipienreiterisch am Alten festhalten.

    Ich habe, als ich noch als (Sport)Lehrer im Schuldienst war, an allen Schulen, in denen ich unterrichtet habe, Baseball-AGs angeboten mit der Spielart ‚Indoor Baseball‘, was immer ein Zugpferd und Selbstläufer wurde. Kein Pitchen (da hat Koll. Tietzel den Nagel auf den Kopf getroffen)! Und selbst die (von mir) getossten Bälle zur Spieleröffnung zu treffen war für manche Rookies eine große Herausforderung.

    Im ersten Halbjahr habe ich die Sportart erst mal in der Sporthalle eingeführt und allmählich eine Spielvorstellung entwickelt. Wir haben immer wechselweise einmal trainiert und einmal einen ‚Playday‘ gemacht. Im zweiten Halbjahr ab nach den Osterferien sind wir dann rausgegangen (auf einen Fußballplatz) und haben uns ans ‚richtige‘ Baseball gemacht. Geholfen hat ein tragbares, in wenigen Minuten aus- und abbaubares Backstop, und man braucht natürlich für die Bases die Außenversion sowie eine Pitcher’s Plate. Und Schlagschutzhelme sind jetzt ein Muss.

    Ich wurde von meinen ehemaligen Sportkollegen gebeten, eine Weiterbildung für Indoor Baseball anzubeiten, was ich auch – wenn die ganzen Corona-Beschränkungen einmal Geschichte sind – machen werde. Denn als Schulsportart ist Indoor Baseball eine prima Sache, weil das Hauen mit dem ‚coolen‘ Baseballschläger auf diesen kleinen weiß-roten Ball ein großer Motivationsfaktor ist – und weil auch Mädels problemlos mitspielen können.

  2. Auch ich bin Lehrer, der seit dem Referendariat eine Baseballmannschaft an der Schule betreut. Momentan an meiner dritten Schule.
    Ich möchte dies alles nicht zu sehr ausführen aber ich stimme den Vorrednern zu, dass Baseball an Schulen sicher einen Platz hat, eben weil es die Kernkompetenzen (S. Herr Tietzel) anspricht und fördert. Dabei halte ich es mit Cal Ripken: Keep it simple. Make it fun! Die Spieler spielen sehr gerne, washalb ich meine rund 15 TN (beinahe jedes Jahr) in zwei Teams einteile und wir kleine Serien spielen.
    Vor drei Jahren traf ich dann einen Studienkollegen zufällig auf einer Fortbildung (Physik) und er war begeistert von meiner Schulausrüstung die ich immer im Auto habe. Im folgenden Jahr gründete auch er eine Mannschaft und wir spielen immer im Frühjahr, Sommer und Herbst gegeneinander. Diese Begegnungen machen den Spielern am meisten Spaß (SARS-CoV-2 verhindert dieses Jahr unser gemeinsames Spring Training und wir hoffen auf unseren Summer Classic).
    Im Winter spielen wir immer bei den BW Indoor Meisterschaften in Ulm, was immer ein Highlight für die Spieler ist, da sie gegen „richtige Baseballer“ spielen dürfen. Drei Vereine wurden auf uns aufmerksam (mit einem dieser Vereine haben wir seit etwa sechs Jahren eine Kooperation – wir können den Platz für die Spiele gegen die andere Schule nutzen und etwa jedes Jahr bleibt ein Spieler beim Verein hängen) und so planen wir (otimalerweise in Zus.arbeit mit dem SSA) eine Fortbildung Baseball für Sportlehrer in unserer Gegend.
    Eventuell könnten wir Lehrer ja einmal darüber reden, wie man diese Schularbeit koordinieren und ausbauen könnte. Meine Spieler fänden es sicher toll, wenn es gegen Ende des Schuljahres ein zentrales Turnier gibt, wo Schulen gegeneinander spielen und voneinander lernen können (coaches pitch – keep it simple. Make it fun!)
    Wenn wir gegen die andere Schule spielen zeigt sich oft dieser Effekt – meine erfahreneren Spieler helfen den Neulingen in beiden (!) Mannschaften.
    Ich hoffe damit etwas zur Diskussion beitragen zu können.

    „So if the Son sets you free, you are free through and through.“ John 8:36

  3. Hallo
    Das wundert mich auch und ich finde sehr schade als Baseball Fan das in ganze Europa unser Sport nicht so populär ist. Das kann verschiedene Gründe haben wie zb. Keine Infrastruktur oder das dass vorher im Fernseher ist meistens Fussball gewesen, leider wars noch kein Internet und niemand konnte sich mit dem Sport lernen zu kennen.Ich hoffe nur dass ändert sich irgendwann und wenn nicht dann sind wir die Elite 😀😀⚾️⚾️

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