Warum Baseball in die Schule gehört – Teil I

Hätten Schüler die Wahl, sie würden wahrscheinlich in jeder Sportstunde Fußball spielen. Schülerinnen allerdings nicht. Fußball ist schon alleine deswegen nicht wirklich für den Schulsport geeignet. Die Jungen jubeln, die Mädchen winken eher ab. Zudem sind die Leistungsunterschiede gewaltig. Manche Schüler spielen regelmäßig im Verein, dort vielleicht sogar auf unterschiedlichen Leistungsniveaus. Andere kicken nur unregelmäßig am Nachmittag auf dem Bolzplatz oder eben in der Schule und der Rest spielt eben nur in der Schule.

Jetzt mag man einwenden, dass Baseball aus diesem Grund gar nicht in der Schule gespielt werden sollte, weil es so gut wie keiner spielt. Aber gerade hier liegt ein großer Vorteil.

Vorteil # 1 alle Schülerinnen und Schüler beginnen bei null

Gerade weil die wenigsten Vorerfahrungen mit dem kleinen Lederball haben, eignet es sich hervorragend für den Schulsport, denn die gesamte Lerngruppe beginnt bei null. Dies bietet gerade Schülerinnen und Schülern, die sonst vielleicht eher unauffällig sind, die Möglichkeit, endlich mal keinen Vorsprung aufholen zu müssen.

Vorteil # 2 ein wirklich neues Spielkonzept

Fußball, Handball, Basketball usw. gründen genauso wie Volleyball, Tennis oder Badminton auf ein jeweils gemeinsames Spielkonzept. Das erleichtert ihr Verständnis und macht es relativ einfach, innerhalb der einzelnen Konzepten zu glänzen. Ein schneller Sportler wird beispielsweise im Fußball, aber auch im Hand- und Basketball Vorteile haben. Baseball passt nicht wirklich in eines der einzelnen Konzepte. Es ist kein Zielschuss- aber auch kein Rückschlagspiel. Es weißt Elemente der einzelnen Konzepte auf, ist aber im Grunde ein Sportart für sich. Das ist zwar im Bereich des Spielverständnis ein großes Problem, da Kenntnisse aus dem Fußball oder Tennis nicht wirklich hilfreich sind. Allerdings bietet das ungewöhnliche Spielkonzept gerade für Schülerinnen und Schüler, die sonst eher unauffällig sind, große Möglichkeiten, sich von einer anderen Seite zu zeigen. Ein etwas beleibter Schüler, wird beim Fußball eher nicht zu den starken Schülern gehören können, weil er etwa im Bereich der Schnelligkeit große Nachteile hat. Im Baseball kann er aber, sofern er über eine gute Auge-Hand-Koordination verfügt, zu den stärksten Schülern gehören, weil seine guten Fertigkeiten im Bereich Schlagen, seine Defizite im Bereich der Schnelligkeit ausgleichen oder vielleicht sogar überragen.

Vorteil # 3 soziales Lernen

Das soziale Lernen besitzt zur Zeit einen sehr großen Stellenwert in der Schule. Die Wirtschaft bemängelt bei Schulabsolventen immer häufiger, dass sie Defizite im sozialem Bereich hätten. Die Schulen versuchen, mit verschiedenen Maßnahmen, diese Defizite auszugleichen. Im Baseball gibt es klar definierte Aufgaben, teilweise sogar eine große Spezialisierung. Jeder Spieler kann, im Rahmen seiner ganz individuellen Fähigkeiten, für seine Mannschaft nützlich sein. Die Übernahme einer Aufgabe durch einen anderen Spieler des Teams ist manchmal nur schwer möglich, ein Schneiden oder Ausschließen eines Mitglieds ist im Baseball nicht möglich. Wenn der Ball zu Spieler A geschlagen oder geworfen wird, ist dieser Spieler gefordert. Auf Grund des Spielkonzeptes ist es beinahe unmöglich, dass ein anderer Spieler diese Aufgabe übernimmt. Baseball besitzt Elemente einer Einzelsportart, ist aber trotzdem eine Mannschaftssportart. Im Angriff zum Beispiel steht ein einzelner Spielen häufig alleine der gesamten gegnerischen Mannschaft gegenüber. Er allein muss handeln. Das führt dazu, dass seine Entscheidungen und sein handeln häufig über das Schicksal seines Teams entscheidet. Da im Baseball das Scheitern eine große Rolle spielt, da jeder Fehler macht oder an einer Aufgabe scheitert, ist Motzen und Hadern mit den Mitspielern kontraproduktiv. Gefordert ist eher das gegenseitige Helfen und Unterstützen. Außerdem müssen sich die einzelnen Spieler ständig über Taktik und Spielzüge verständigen und abstimmen. Dies fördert das soziale Lernen im hohen Maße.

Vorteil # 4 fächerübergreifendes Lernen

Baseball bietet wie kaum eine andere Sportart die Möglichkeit des fächerübergreifenden Lernens. Die Verbindung mit dem Fach Englisch erscheint logisch. Aber auch Mathematik (Statistik) und Geschichte (Baseball ist eng mit der amerikanischen Geschichte verknüpft) lassen sich einbeziehen. Das interdisziplinäre Lernen bietet viele Vorteile, da es Kenntnisse mit anderen Inhalten verbindet und somit festigt.

Noch mehr Vorteile findet ihr demnächst in Teil II

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4 Kommentare zu “Warum Baseball in die Schule gehört – Teil I

  1. Gast-Coach

    Als Sportlehrer kann ich der Aussage von Sebastian Tietzel bzgl. Fußball (als für den Schulsport nicht sonderlich geeignete Sportart) einigermaßen zustimmen. Jüngere Mädchen, sagen wir, bis 5. Klasse, gehen unvoreingenommener, motivierter an Fußball heran als beispielsweise 7.- oder 8.-Klässlerinnen (oder noch ältere Schülerinnen) – natürlich, weil bei den älteren Mädels die Leistungs- und Technikunterschiede zu den gleichaltrigen Jungen inzwischen offenbar wurden.

    Ich habe auch schon oft Baseball ausprobiert (ich bin ja auch Baseballcoach und habe mit meiner früheren Schulmannschaft mehrere Male sogar die Indoormeisterschaften des Baseball- und Softballverbandes gewonnen), aber da sieht es, ehrlich gesagt, nicht viel besser aus, d.h. wenn man etwas ehrgeizig ist (oder die Spieler ehrgeizig geworden sind) und mehr will als nur ‘ein bisschen spielen’. Mädchen – das ist ein alter Hut – haben anatomisch und koordinativ (hauptsächlich Auge-Hand- und Schulter-Arm-Hand-Koordination) im Durchschnitt mehr Probleme mit dem Werfen als Jungen. Das soll allerdings nicht heißen, dass die meisten Jungen ordentlich werfen können (auch da sind die ‘naturals’ = die, denen man die richtige Wurftechnik [s.u.] nicht antrainieren muss, rar gesät). Aber Jungs haben einfach mehr Kraft, und so kann auch ein Junge mit suboptimaler Wurftechnik leichter z.B. einen Base-Base-Pass werfen als das durchschnittliche Mädchen.
    Meine Erfahrung ist auch, dass Mädchen im Durchschnitt mehr ‘Respekt’ vor auf sie zufliegenden Bällen haben als Jungen. Das sehe ich auch beim Volleyball- und Basketballspielen im normalen Schulsport. Es scheint nicht im Verhaltens-Genpool – oder einfach im weiblichen Naturell – der meisten Mädchen zu liegen, auf Bälle ZUZULAUFEN und das Fangen oder Spielen so eines Balles zu antizipieren. Die Mehrzahl der Mädchen lässt in ihre Nähe kommende Bälle vorbeirollen der -fliegen, ohne eine Reaktion nach dem Ball hin zu machen. Und das nicht mit böser Absicht. Da ist einfach bei den meisten Damen eine Art innere Hemmung. Ich bin in 34 Berufsjahren dazu gekommen, dass ich oft zu vom Werfen bzw. Ballspielen frustrierten Mädchen gesagt habe: ‘Ihr seid zu etwas Besserem geschaffen.’
    Natürlich gibt es Handball oder Basketball, sogar Fußball spielende Frauen und Mädchen – und Baseball/Softball spielende. Meine zwei Töchter haben in ihrer Schul- und Jugendzeit beide gerne und gut SB gespielt (die ältere hatte sogar eine Berufung zum Auswahltraining der Softball-Nationalmannschaft), aber sie waren/sind als ‘geborene’ gute Werferinnen nicht repräsentativ für das ‘normale’ Mädchen. Mein Sohn, der auch Baseball gespielt hat, hatte keine ganz so gute (angeborene) Wurftechnik wie seine Schwestern, was meine Aussage von oben (2. Abschnitt) bestätigt. – Auch hatte ich in meinen Mannschaften immer wieder mal gute Mädchen-Spielerinnen, aber lange nicht so viele wie Jungen. Diesen Mädels war allen gemeinsam, dass sie keine Angst vor kleinen, rotweißen, schnell fliegenden Bällen (generell vor ALLEN Bällen) hatten und gut, d.h. technisch richtig (= mit über Schulterhöhe gezogenem Wurfarmellenbogen) geworfen haben. Aber von der Anzahl her waren es allenfalls ein Fünftel der Baseball spielenden Jungs.
    Andererseits habe ich mir beim Üben des Schlagballwerfens für die Bundesjugendspiele im Sportunterricht den Mund fusselig geredet an Mädchen, dass sie doch ihren Wurfarm anheben müssen, bis der Ellbogen über Schulterhöhe ist – und den Wurfarmseitengegenfuß nach vorne setzen – und dass am Ende der Wurfbewegung der Ellbogenweiterhin über oder mindestens auf Schulterhöhe nach vorne schwenkt und die Ballhand sozusagen hinter sich herzieht – und dass die Wurfhandfinger den Ball nicht umkrallen, sondern ihn nur an der Innenseite der Fingerspitzen festhalten – und dass die Wurfhauptfinger (Zeige- und Mittelfinger) ganz am Ende beim Loslassen hinter dem Ball nach unten ziehen, um ihm einen Fastball-Backspin mitzugeben u.s.w. …Der Coaching-Aufwand ist unheimlich groß und das Ergebnis ist unheimlich gering. Deswegen: Mädchen/Frauen sind in der Regel zu Besserem, oder Anderem, geschaffen als (Base-)Ballspielen.
    Abschließend auch hier noch mal der oben schon gemachte Hinweis, dass in unteren Klassen, wenn sie das erste Mal mit (Indoor-)Baseball Bekanntschaft machen, auch die Mädchen zumeist zunächst sehr motiviert sind, aber je älter sie werden, immer mehr zurückhaltend sind, was Ballspiele betrifft. Wobei es noch etwas ausmacht, ob sie unter sich spielen können oder ob sie mit Jungen spielen (müssen). Meine Töchter haben sich über ‘lahm…ige’ andere Mitspielerinnen oder Klassenkameradinnen geärgert, die nicht zum Ball gingen (und wollten deshalb lieber mit den Jungs der Klasse z.B. Volleyball spielen), aber sie sind (s.o.) nicht typisch für die Mehrzahl der Mitglieder der Damenwelt. – Fazit: (Indoor-)Baseball für die Schule, ja, wunderbare Sportart, spannend, schnell, oft geradezu artistisch, aber kein Heilmittel gegen die Jungs-Mädchen-Ballspiel-Problematik. In Bayern sagen sie: ‘Für den, der’s mag, is’ des des Höchste.’

  2. Sebastian Tietzel

    Hallo Gast-Coach,

    danke für deinen Kommentar, der ja eine etwas andere Sichtweise beeinhaltet. Ich finde das gut, denn nur über die Diskussion und das Einbringen anderer Erfahrungen, kann man sich und sein Handeln weiterentwickeln.

    Ohne mich jetzt rechtfertigen zu wollen: Meine Erfahrung ist etwas anders. Zwar stimmt es, dass Mädchen allgemein nicht zu den besten Werfern gehören. Das liegt aber auch daran, dass es ihnen in der Schule nicht richtig beigebracht wird. Jungen werfen in ihrer Freizeit vielleicht auch einfach mehr und machen deswegen auch weit aus mehr Erfahrungen. Sie haben zudem einen körperlichen Vorteil.

    Es muss in der Verantwortung einer Lehrkraft sein, dies zu berücksichtigen. Ich sehe, dass wenn ich gerade die Grundlagen eines Wurfs mit Klassen thematisiere, dass sie die Mädchen technisch häufig sogar besser als die Jungen schlagen. Es kostet allerdings sehr viel Zeit und man muss seinen Unteriicht entsprechend organisieren, um sich Zeit und Raum zu schaffen, gerade die Grundlagen zu behandeln.

    Ich denke, dass Baseball trotz dieser Problematik sehr gut geeignet ist, denn es kommt nicht immer nur auf die Härte des Wurfs an. Die Genauigkeit ist wichtiger und gerade hier haben Mädchen, da sie (sofern man es ihnen richtig beibringt) eben dann doch einen Vorteil, da sie eher auf die richtige Technik achten. Jungen wollen vor allem hart werfen.

    Viele Grüße

    Sebastian

  3. Hans WeisseHans Weisse

    Vielen Dank an Gast-Coach für sein Kommentar, welches auch als eigenener Post hätte dienen könne. Wir freuen uns das 2 solch engagierte, gewissenhafte und erfolgreiche “Baseball” Lehrer hier zu Wort kommen und Ihre Erfahrungen mit der Baseball Community teilen.

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